Stadt Gießen
Kulturdezernat
Herr Harald Scherer


Offener Brief zum dritten Gießener Bildhauersymposium


Sehr geehrter Herr Scherer,

Am letzten Wochenende wurde, zusammen mit der Einweihung des neuen Rathauses, das dritte Gießener 'Bildhauersymposium' eröffnet – eingebettet in das auf der offiziellen Homepage der Stadt zum 'Begleitprogramm des Stadttheaters' degradierte 'Festival TanzArt ostwest'. Die Freude von Teilen der lokalen Presse, die dieses als "bis dato wohl wirklich einzigartiges Großprojekt" (so der Gießener Anzeiger vom 15. April 2009) wertete, vermögen die Unterzeichner dieses Briefes allerdings nicht zu teilen. Zwar spricht nichts dagegen, wenn Geld (und es ist nicht wenig Geld im Spiel) in Kunst und Kultur investiert wird – ganz im Gegenteil. Doch finden wir es bedauerlich, wenn bei allem Jubel über die schiere Masse des "fast nicht überschaubaren Mammutprogramms" höchstens am Rand die Frage nach den Inhalten gestellt wird. Ergänzen wir deshalb, was in der Öffentlichkeit bislang wenig Raum fand, und stellen wir Fragen.

Zum Beispiel: Was ist das überhaupt, ein 'Bildhauersymposium'? – Wichtig an der Kunst ist offenbar (denn das ist, wie die Veranstalter betonen, der Clou der Sache), dass das Publikum "den Entstehungsprozess beobachten", den Künstlerinnen und Künstlern "über die Schulter schauen" und mit ihnen ins Gespräch kommen kann. – Ist das wichtig, oder ist das nur, im besten Fall, interessant? Wäre nicht wichtiger das, was bleibt? Und wäre nicht ebenso wichtig wie das Gespräch mit den Künstlerinnen und Künstlern das Gespräch über Kunst und künstlerische Praxis im 21. Jahrhundert? Und hier ganz konkret: Über den Sinn dessen, was bei einer solchen – warum eigentlich 'Symposium' betitelten? – Veranstaltung produziert wird?

Die sechs anlässlich des 'Symposiums' "innerhalb des Themas" Stahl und Stein (wie es auf der Homepage der Stadt heißt) entstehenden Arbeiten "finden" (auch darüber informiert die Stadt auf ihrer Homepage, und das war auch bei der Eröffnung der begleitenden Ausstellung im Oberhessischen Museum am 30. April verkündet worden) "mit Abschluss des Symposiums ihren festen Ort im Innen- und Außenraum des Rathauses". Oder aber "innerhalb Gießens", wie Oberbürgermeister Haumann laut Presseberichten am 12. Mai informiert hat? Wo aber in der Stadt? – Dieses Hin und Her um Möblierungsdetails macht aber gerade deutlich, daß die Grundfrage unbeantwortet bleibt: Ist dieses konzeptbefreite Produzieren, Erwerben und Irgendwo-Hinstellen von ästhetisch mal mehr und gerne auch mal weniger gelungenen Stahl-und-Stein-Objekten wirklich die Art, wie heutzutage mit 'Kunst im öffentlichen Raum' angemessen umgegangen werden kann?

Natürlich wissen die für das 'Bildhauersymposium' Verantwortlichen, dass es in Gießen einen 'Kunstweg' gibt. Doch kennen sie ihn auch? Und haben sie die Kritik zur Kenntnis genommen, die selbst an diesem in den 1980er Jahren beispielhaften Konzept von 'Kunst im öffentlichen Raum' mittlerweile geäußert wurde? Tatsache ist: Das Gießener 'Bildhauersymposium' fällt weit zurück noch hinter das (auch nicht mehr gerade taufrische) Konzept des 'Gießener Kunstwegs'. Es ist höchste Zeit, dass die in der 'Kulturstadt an der Lahn' für die bildende Kunst Verantwortlichen zur Kenntnis (und sich zu Herzen) nehmen, dass Kunst mehr ist als etwas, das – um noch einmal den Gießener Anzeiger zu zitieren, der den Begriff keineswegs kritisch meinte – im Rahmen eines "Kulturbonbons" produziert wird … und dann herumsteht.

Mit besten Grüßen


Prof. Marcel Baumgartner - Institut für Kunstgeschichte der Justus-Liebig-Universität Gießen
Ingke Günther - Vorstandsmitglied des Neuen Kunstvereins Gießen
Markus Lepper – Erster Vorsitzender des Neuen Kunstvereins Gießen
Thomas Vinson - Erster Vorsitzender Bundesverband Bildender Künstler Mittelhessen
Jörg Wagner – Vorstandsmitglied des Deutscher Künstlerbundes